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Vom Warnsignal zur Dauerfolter
Wie werden aus akuten Schmerzen ständig andauernde Schmerzen?
Schmerzfühler reagieren überempfindlich
Dauern Schmerzen länger an, dann kommt es auf allen Ebenen der Schmerzverarbeitung zu nachhaltigen, komplexen Veränderungen. Schmerzfühler sind ständig aktiv und reagieren daher übersensibel; sie "entladen" zahlreiche Aktionspotenziale. Allein schon das Berühren der Haut oder ein Windhauch können dann Schmerzattacken provozieren. Im schlimmsten Fall werden Schmerzreize ohne jeden Auslöser gemeldet: Die Nerven "feuern" ständig - der Betroffene hat Dauerschmerzen.
Das Gehirn passt sich an
Auch im Rückenmark und Gehirn reagieren die Zentren der Schmerzverarbeitung überempfindlich. Sie passen sich schnell dem ständigen Schmerz an. Auch hier lösen nun vergleichsweise geringe Schmerzreize stärkste Empfindungen aus. Schmerzforscher bezeichnen diese Umbauprozesse als "Neuroplastizität" des Zentralen Nervensystems. Das Gehirn lernt Schmerzen schneller zu empfinden und passt sich den Erfordernissen an. Durch lange Schmerzerfahrungen werden betroffene Regionen im Gehirn übergroß dargestellt.

Chronische Schmerzen - eine eigenständige Krankheit
Aufgrund solcher Veränderungen bleiben Schmerzen mitunter auch dann bestehen, wenn der eigentliche Auslöser beseitigt wird. Hatten Schmerzen zum Beispiel vor der Amputation eines verletzten Beins bereits zu Veränderungen in Rückenmark oder Gehirn geführt, leiden Betroffene oft noch nach Jahrzehnten an quälenden Schmerzen in der amputierten Region. Geringste Reize am Stumpf und den abgetrennten Nervenbahnen unterhalten den Schmerz dauerhaft.
Hinter diesen chronischen Schmerzen, die sich zu einer eigenständigen Krankheit entwickelt haben, müssen somit nicht zwangsläufig mehr Auslöser stehen. Dies erklärt auch, wieso die Definition des Schmerzes der Internationalen Fachgesellschaft zum Studium des Schmerzen sehr weit gefasst ist.
Warum frühzeitige Behandlung so wichtig ist
Das zentrale Nervensystem passt sich sehr schnell an ständige Schmerzreize an. So sind manche Veränderungen in der Nervenbahn schon innerhalb einer Woche nachweisbar. Daher ist es ungemein wichtig, jeden Schmerz so schnell wie möglich zu behandeln. Nur wenn die Ursachen rasch beseitigt werden oder die Schmerzen mit geeigneten Medikamenten gelindert werden, kann das Aufschaukeln des schmerzverarbeitenden Systems verhindert werden.
Sobald Schmerzen ihre Warnfunktion erfüllt haben, ist eine möglichst vollständige Schmerzlinderung angesagt. Nur so kann eine langwierige eigenständige Schmerzkrankheit im Keim erstickt werden.