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Frauen und Männer empfinden Schmerzen unterschiedlich

Wie Frauen und Männer Schmerzen fühlen und verarbeiten.

Männer und Frauen spüren Schmerzen anders

Männer und Frauen haben ein andersartiges Schmerzempfinden. Im Gegensatz zu Männern leiden Frauen in der Regel öfter unter chronischen, das heißt andauernden Schmerzen, und sie haben generell ein höheres Schmerzempfinden als ihre männlichen Zeitgenossen. Untersuchungen haben außerdem gezeigt, dass die Schmerzschwelle bei Frauen niedriger ist. Schmerzen bei Frauen kehren besonders oft wieder und dauern länger an als bei Männern. Doch obwohl Frauen weltweit häufiger von Schmerzen gequält werden, kommen sie im Vergleich zu Männern viel seltener in den Genuss einer guten Schmerzbehandlung.1-4

Die Geschlechtsunterschiede beim Schmerz werden durch verschiedene Ursachen hervorgerufen. Dabei spielen biologische Faktoren, zum Beispiel Unterschiede in der Anatomie oder dem Hormonhaushalt, aber auch psychische, soziale und kulturelle Einflüsse eine wichtige Rolle.3

Frauen leiden häufiger an schmerzhaften Erkrankungen

Von den meisten Schmerzerkrankungen sind Frauen häufiger betroffen als Männer, zum Beispiel bei Migräne, Gesichts- und Unterleibsschmerzen. Auch Gelenkschmerzen wegen Entzündungen (rheumatoide Arthritis) und Abnutzungserscheinungen (Osteoarthrose) treten bei Frauen häufiger auf. Frauen sind außerdem von generalisierten Schmerzerkrankungen wie der Fibromyalgie und dem Reizdarmsyndrom besonders häufig betroffen.1-3

Auch bei Männern gibt es – wenn auch seltener als bei Frauen bestimmte Krankheiten, von denen sie häufiger betroffen sind. Zum Beispiel leiden mehr Männer unter Schmerzen bei Herzkranzgefäßerkrankungen, unter Gelenkschmerzen bei Gicht oder der Bechterew’schen Erkrankung sowie unter Bauchschmerzen bei Zwölffingerdarmgeschwüren oder einer Bauchspeicheldrüsenentzündung.3

Unterschiedliche Gehirnstruktur

In Untersuchungen hat man herausgefunden, dass für das abweichende Schmerzempfinden möglicherweise anatomische Unterschiede verantwortlich sein könnten. Männer und Frauen haben zum Teil unterschiedliche Gehirnstrukturen und -funktionen. Dies könnte zum Beispiel erklären, warum Frauen eine niedrigere Schmerzschwelle als Männer haben und leichter auf schmerzhafte Reize reagieren.4

Die Rolle der Hormone

An der höheren Schmerzempfindlichkeit von Frauen haben möglicherweise auch die Hormone einen Anteil. Wissenschaftliche Studien weisen zum Beispiel auf einen Zusammenhang zwischen der Schmerzempfindlichkeit, dem Menstruationszyklus und dem Östrogenspiegel hin. Östrogene scheinen die Schmerzempfindlichkeit zu erhöhen. Auch die Hormonveränderungen während einer Schwangerschaft scheinen das Schmerzempfinden zu beeinflussen. Die Tatsache, dass die Häufigkeit bestimmter schmerzhafter Erkrankungen bei Frauen nach den Wechseljahren abnimmt, deutet ebenfalls auf einen hormonellen Einfluss hin. Diese Erkenntnisse sind wahrscheinlich nicht unwichtig für die Entstehung und Therapie von Schmerzen, werden aber bislang bei der Behandlung nicht berücksichtigt.2, 5

Einfluss der Gene

Auch genetische Unterschiede scheinen beim Schmerzempfinden von Frauen und Männern eine Rolle zu spielen. Zum Beispiel konnte das Fehlen von Genen, die für die Produktion bestimmter Eiweißstoffe verantwortlich sind, die Empfindlichkeit für Schmerzreize steigern. Bei einigen Genen führte jedoch das Fehlen nicht bei beiden Geschlechtern zu einer erhöhten Schmerzempfindlichkeit. Es scheint demnach Gene beziehungsweise Eiweiße zu geben, die in das Schmerzgeschehen bei Frauen und Männern unterschiedlich einwirken und Frauen möglicherweise schmerzempfindlicher machen als Männer. Solche Effekte könnten auch dafür verantwortlich sein, dass manche Schmerzmittel bei den beiden Geschlechtern unterschiedlich gut wirken.2

Emotionaler Umgang mit Schmerzen, Bewältigungs-Strategien

Frauen leiden häufiger unter Depressionen als Männer, wobei Depressionen oft mit Schmerzerkrankungen zusammenhängen und als Risikofaktor für die Entstehung von Schmerzerkrankungen gesehen werden können. Dafür scheinen Frauen jedoch mit Schmerzen besser umgehen zu können als Männer. Frauen sind besser in der Lage, negative Gefühle durch den Schmerz zu begrenzen. Insgesamt konzentrieren sich Frauen bei der Schmerzbewältigung mehr auf emotionale Aspekte und suchen mehr Unterstützung in ihrem sozialen Umfeld, Männer ignorieren Schmerzen dagegen häufiger und versuchen öfter, mit den Schmerzen allein umzugehen.2, 6

Kulturelle Differenzen

Auch zwischen verschiedenen Kulturen gibt es Unterschiede in Hinsicht auf das Schmerzempfinden. In Entwicklungsländern treten zum Beispiel bestimmte Schmerztypen häufiger auf als in den Industrieländern. In manchen Ländern erhalten Frauen aufgrund von wirtschaftlichen und politischen Einschränkungen sowie gesellschaftlichen und kulturellen Normen seltener eine ausreichende Schmerztherapie als Männer. Millionen von Frauen müssen so täglich mit ihren Schmerzen leben.1, 7

Erfahrungen mit Schmerz bei Kindern

Ein weiterer Erklärungsversuch für das unterschiedliche Schmerzempfinden von Männern und Frauen in europäischen Gesellschaften ist eine verschiedene Sozialisation im Kindes- und Jugendalter. Jungen werden häufiger dahingehend erzogen, weniger Schmerzen zu äußern und über sie zu klagen. Verschiedene Untersuchungen weisen darauf hin, dass Frauen bestimmte Rollenerwartungen mit der Äußerung von Schmerzen verknüpfen. Darüber hinaus werden Frauen durch Erfahrungen mit der Menstruation sensitiver für körperliche Symptome. Hinzu kommt, dass Schmerzen während der Menstruation möglicherweise einen Sensibilisierungsfaktor darstellen. Das bedeutet, dass die Empfindlichkeit des Nervensystems von Frauen durch immer wiederkehrende Schmerzen gesteigert wird und damit die Schmerzschwelle sinkt.2

Geschlechtsunterschiede in Forschung und Therapie wenig berücksichtigt

Ein wichtiger Aspekt in der Medizin und speziell in der Schmerztherapie ist der sogenannte geschlechterbezogene Verzerrungseffekt (englisch: gender-bias) vieler Studien, an denen lange Zeit vor allem Männer teilnahmen. Bis zum Jahr 1988 wurden die meisten Arzneimittel-Studien ausschließlich mit Männern durchgeführt. Die Ergebnisse aus diesen Studien wurden und werden auch heute noch teilweise auf Frauen übertragen, was zur Folge hat, dass Frauen mit zum Teil zu hohen Dosierungen behandelt werden. In anderen Fällen kann dies auch bedeuten, dass ein Medikament weniger gut wirkt oder sogar den gegensätzlichen Effekt bei Frauen im Vergleich zu Männern haben kann.2

Deswegen gab 1993 das amerikanische Institut für Gesundheit in den USA eine verbindliche Richtlinie heraus, die besagt, dass Frauen und Minderheiten in klinische Studien miteinbezogen werden müssen. Seitdem hat sich zwar einiges bewegt; immer noch sind allerdings die wenigsten Studien darauf ausgerichtet, geschlechtsspezifische Therapien zu entwickeln.2

Weiterführende Informationen auf dieser Webseite

Weitere Infos zum Thema:

Quellen

  1. IASP. Global Year Against Pain in women. Link öffnet in neuem Fensterwww.iasp-pain.org 2007.
  2. Deutsche Gesellschaft zum Studium des Schmerzes. Frauen und Schmerz - „Global Day against Pain" 2007 am 15. Oktober. Pressemitteilung der Deutschen Gesellschaft zum Studium des Schmerzes vom 05.10.2007. 2007.
  3. IASP. Global Year Against Pain in women. Fact-Sheet: Differences in pain between women and men. 2007.
  4. IASP. Global Year Against Pain in women. Fact-Sheet: Gender and the brain in pain. 2007.
  5. IASP. Global Year Against Pain in women. Fact-Sheet: Sex hormones and pain. 2007.
  6. IASP. Global Year Against Pain in women. Fact-Sheet: Epidemiology of pain in women. 2007.
  7. IASP. Global Year Against Pain in women. Women and pain media backgrounder. 2007.